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„Hinter dem Berg begann das Zittern”

„Ich durfte bei Wismut mit großen Spielern gegen große Spieler auflaufen. Aue werde ich niemals vergessen, die Zeit dort war meine beste als Fußballer.” Das sagt Olaf Distelmeier, der zwischen 1981 und 1984 für die Veilchen 40 Pflichtspiele bestritt und dabei acht Tore schoss. Zu Hause in Pöllwitz bei Zeulenroda in Thüringen drückt er dem FC Erzgebirge weiter die Daumen.

Olaf Distelmeier bei seinem ersten Oberligaeinsatz für Wismut Aue. Am 22. August 1981 gewinnen die Veilchen das erste Heimspiel zum Saisonauftakt gegen Aufsteiger BSG Chemie Buna Schkopau mit 4-2. Foto: Kruczynski

Geboren wurde Olaf Distelmeier am 1. März 1958 in Zeulenroda. Von 1964 bis 1974 besuchte der junge Olaf die „Hubert-Westhoff-Schule“ in Zeulenroda. „Mein Vater kickte in der Freizeit selber, das hat sicher abgefärbt. Ich passte mit sechs, sieben Jahren bei den größeren Jungs auf und wartete, bis einer ausgefallen war oder keine Lust mehr hatte. Erst dann durfte ich mitspielen. Es war auch ein älterer Junge, der mich zur BSG Motor Zeulenroda mitnahm. Ich war meist der Kleinste und Jüngste, darum wurde ich in den Sturm beordert”, erinnert sich Olaf, der freilich erst mit neun Jahren beim Verein seiner Heimatstadt richtig zu trainieren begann. Der Blondschopf durchlief alle Nachwuchsklassen, ehe er 1974 nach Leuna zog, um dort Instandhaltungsmechaniker zu lernen. Parallel war er bei der BSG Chemie Leuna am Ball, wo ihm in der Bezirksklasse Halle der Schritt in den Männerbereich gelang. Die Erwartungen in den Wechsel zum DDR-Ligisten Stahl Thale erfüllten sich nicht, er fand schwer ins Team. Also kehr­te Olaf 1977 zur BSG Motor Zeulenroda zurück. 1978/79 stieg der Stürmer mit der BSG Motor, später BSG Möbelwerke, in die zweithöchste DDR-Spielklasse, die Liga auf. In 22 Punktspielen erzielte der Stürmer sieben Tore. Trotzdem mußte Aufsteiger Zeilenroda als Tabellen-Vorletzter wieder runter in die Bezirksliga. „Ich habe einige Tore per Kopf erzielt, aber kopfballstark würde ich mich nicht bezeichnen. Mich hat eher meine Nase zu den Toren gebracht.“ Sonderlich dribbelstark war der Angreifer dagegen nicht, aber er war sehr schnell, konnte rechts und links fast gleich stark abschließen und konnte sich gut in Position bringen. „Mich hat immer die Angst nach vorn rein getrieben, falls die Hereingabe kommt und ich bin nicht da. Das durfte nicht sein“, gesteht er schmunzelnd ein. Es habe nicht immer geklappt, aber diese Einstellung hat ihn schließlich bis nach ganz oben gebracht. „Bei jeder Chance wollte ich dabei sein und das Tor machen.“

1980 zog es „Distel”, wie ihn alle riefen, zur BSG Wismut Gera. Beim DDR-Ligisten bestritt er in jener Saison 22 Punktspiele, war mit 16 Sai­sontreffern Torschützenkönig der Staffel E. Das Interesse des FC Carl Zeiss Jena, aber auch von Aues Trainer Hans-Ulrich Thomale war geweckt und so führte der Weg des jungen Angreifers im Sommer 1981 ins Lößnitztal. „Es war der richtige Schritt. Ich wurde im Verein super aufgenom­men. Cliquen gab es hier nicht und die Erfah­renen halfen uns Jüngeren, der Zusammenhalt war ungewöhnlich stark. Von Harald Mothes, mit dem ich während der Trainingslager das Zimmer teilte, oder Holger Erler lernte ich viel, dabei waren sie stets gute Kollegen”, erinnert sich „Distel”. So fällt ihm eine Beobachtung ein aus seinem ersten Oberligaspiel gegen Chemie Buna Schkopau: „Der Gegner bekam einen Frei­stoß und ein junger Schkopauer wollte diesen treten, als ein Routinier ihn zurechtwies: ,Hau ab, du Rucksack. Freistöße schieß’ ich hier!’ In Aue wäre das undenkbar gewesen.” Beispiel für den kollegialen Umgang hier ist das Zustande­kommen von Distelmeiers zweitem Oberligator, welches er gegen den HFC Chemie schoss: „Hol­ger Erler sagte mir damals, das Spiel läuft so: Du kommst mir entgegen, ich spiele dich an, du lässt den Ball prallen, gehst im Rücken vom Geg­ner steil und ich hebe dir den Ball in den Lauf. Genauso ist dann das Tor zum 4:1 gefallen.” Vor­gelebt wurde dieser Geist von den Trainern, von „Uli” Thomale und seinem Assistenten Konrad Schaller. „Thomale war unheimlich engagiert, er konnte mit den alten Hasen ebenso gut wie mit jungen Spielern. Aber er hat immer Leistung und Biss verlangt, vor allem in den Heimspielen. Nie vergesse ich seinen Satz „Hinter dem Berg be­ginnt das Zittern!“ Eine Kampfansage an jeden Gegner. Vor allem die Sachsenderbys bleiben im Kopf; gegen Karl-Marx-Stadt, Zwickau oder Dynamo Dresden war die Bude immer voll. Tore gegen solche Gegner sind Sternstunden in „Dis­tels” Fußballerzeit.
Gerade war er Stammspieler geworden, als er bei einem Zusammenprall mit Erfurts Torwart Benkert einen Kreuzbandriss erlitt. So stand er der Mannschaft nicht zur Verfügung und musste im November 1982 zur Armee. „Ich wurde nicht mal gemustert, bin auf Krücken zur ,Asche“. Spä­ter begann ich bei Vorwärts Wolfen wieder mit dem Fußballspielen”, blickt der Ex-Auer zurück, der im Frühjahr ’84 zu Wismut zurückkam und im Mai noch die letzten drei Oberligapartien der Saison 1983/84 absolvierte. Im Sommer 1984 folgten ganz besonde­re Höhepunkte: sechs IFC-Spiele, in denen Olaf zweimal traf. Die anschließende Oberligasaison aber lief nicht nach Plan: „Ich wollte wieder an­greifen, doch das Knie muckerte und irgendwie spürte ich, es würde nicht reichen.” Distelmeier ging deshalb im Herbst 1984 zurück zu Wismut Gera. „Uli” Thomale fragte beim Abschied, ob er sicher sei, dass es der richtige Schritt wäre, und Distelmeier sagte ja. „Ein Riesenfehler, weiß ich heute, trotzdem bleibt die Zeit in Aue mei­ne schönste”, meint der Thüringer. „Ich kom­me jetzt maximal einmal pro Saison zu einem Spiel nach Aue. Weil es mir zu nahe geht, wie­der dort zu sein. Wenn das Steigerlied erklingt, dann geht mir das so was von an die Nieren. Da schiebt es die Tränen wieder rauf.”

Leipzigs Torhüter René Müller hat soeben einen Elfmeterschuss (35.) der Auer pariert und lässt Veilchen-Angreifer Olaf Distelmeier im Nachsetzen keine Chance. Doch am Ende dürfen „Distel” und Kollegen einen 2-0 Heimsieg bejubeln. Foto: Kruczynski

Distelmeier spielte nach 1984 weiter, in Gera und später in Zeulenroda. Zwischen 1984 und 1989 absolvierte ein Studium zum Ingenieurökonom. 1991 begann seine Trainerzeit. Er übernahm die A-Junioren des FV Zeulenroda für ein Jahr. Aus beruflichen Gründen war er aber von 1991 bis 1992 in Saarbrücken. Eigentlich hatte er gar keine Zeit für Fußball. Aber der FVZ suchte für die damalige Oberliga-Mannschaft einen Trainer. Auf eine Anfrage hin antwortete der Fußballverrückte dem Verantwortlichen: „Eigentlich habe ich keine Zeit dafür. Aber falls ihr keinen findet, ruft noch einmal an.“ Zwei Tage später wurde Olaf Distelmeier mitgeteilt, dass er neuer Trainer beim FV Zeulenroda ist. Ohne ein weiteres Gespräch. So kurios kam es dann zu der Verpflichtung als Coach. Im März 1993 und Februar 1994 kehrte es dann somit als verantwortlicher Trainer von FV Zeulenroda zu fälligen Punktspielen ins Lößnitztal zurück. "Als Trainer willst du immer gewinnen egal wo, aber bei mir persönlich war es sehr emotional, da kamen alle Erinnerungen wieder hoch, so dass ich meinen Schritt damals Aue zu verlassen, zum tausendsten Male bereut habe. Hier war es einmalig."
Später war er in Schleiz und Pößneck verantwortlicher Trainer. Zwei Söhne hat er, die in der Jugend Fußball spielten, und eine Tochter. Die Familie lebt in Pöllwitz, einem Stadtteil von Zeulenroda, wo der Diplomingenieur in einem mittelständischen Betrieb arbei­tet. Weil sich das Knie noch immer mal meldet, hat er die Töppen an den Nagel gehängt, doch Radfahren, Skilaufen im Winter und wenn’s zeit­lich klappt etwas Eishockey machen ihm weiter Freude. Genauso wie die Siege seines FC Erzgebirge Aue in Bundes­liga zwei. (Burg)

Erinnerungen von Olaf Distelmeier
Gleich meine erste Saison bei Wismut Gera, also 1980/81, schloss ich als Torschützenbester der Ligastaffel E ab. Dies ist den Leuten in Jena und Aue nicht verborgen geblieben. So kam es, dass mich der neue Trainer Hans-Ulrich Thomale zusammen mit Jürgen Köberlein nach Aue holte. Die körperlichen als auch spieltaktischen Ver­haltensweisen gegenüber der DDR-Liga waren viel höher. Zeit zur Ballan- und mitnahme ließ dir der Gegner keine mehr, auch wurde ich mehr in die Abwehrarbeit einbezogen, sodass sich meine Laufwege stark erhöhten. Ich brauchte einige Zeit, um mich daran zu gewöhnen. Trai­ner Thomale gab mir immer wieder die Möglich­keit, mich über Einsätze neu zu beweisen. Die damalige Mannschaft nahm mich super auf. Von vielen Spielern bekam ich Tipps, die mir weiter­halfen.
Das Siegtor zum 2:1 bei Dynamo Dresden war für mich das wichtigste. Dreizehn Jahre hat­te Wismut Aue in Dresden nicht mehr gewin­nen können und ausgerechnet ich durfte das 2:1-Siegtor erzielen. Ein langer Ball von Holger Erler auf Harald Mothes zwang diesen ins Kopf­ballduell mit Udo Schmuck, einer der besten und kopfballstärksten Vorstopper damals. Libe­ro Dixi Dörner dachte wohl, dass hier nichts an­brennen würde und sicherte nach hinten nicht ab. Aber auch Harald war ein sehr guter Kopf­ballspieler. Ich spekulierte auf das gewonnene Kopfballduell, hatte somit den entscheidenden Raum und Zeitvorteil, um den von Harald gut ab­gelegten Ball zu verwandeln. Ich legte danach einen 70-Meter-Sprint zu Trainer Thomale hin, der schon aus seiner Kabine geklettert war, aber vom Linienrichter zurückgehalten wurde. Vielleicht war es gut so, denn sonst hätte ich ihn wohl erdrückt.

Da hatten wohl die meisten der 20.000 Zuschauer, das Remis schon in den Wind geschrieben, als Distelmeier (im Bild mit der Nr. 15) nach Kopfballvorarbeit von Aues Torhüter Ebert (!), in der Schlußsekunde die Kugel in das von Alscher sehr gut gehütete Sachsenring-Gehäuse unterbrachte. Foto: Kruczynski

Bei meinem 1:1 gegen Sachsenring Zwickau hat­ten wir uns sehr viel vorgenommen. Wir wollten unbedingt dieses Derby vor voller Hütte gewin­nen. Aber die Zwickauer machten an diesem Tag vieles richtig und unser Spiel brachte trotz ständigen Anrennens nichts Zählbares. Ich wur­de in der 46. Minute eingewechselt und hatte schon in der 80. eine ähnliche Möglichkeit wie jene, die dann in der 90. Minute zum 1:1 führ­te. Als wir alles oder nichts spielten und selbst Torhüter Ulrich Ebert mit nach vorn ging, kam meine Chance. Sein Kopfball am langen Pfosten konnte nicht richtig geklärt werden, so kam der Ball zu mir und diesmal tunnelte ich den ent­gegenspringenden Abwehrspieler und mein Ball rutschte verdeckt ins lange Eck. Ich drehte dar­aufhin zur Fankurve ab, um auf Knien mit geball­ten Fäusten zu jubeln. Gefühlte acht Mitspieler erdrückten mich fast. Nur Günter Seinig soll ver­sucht haben, den Haufen zu lösen und dabei gerufen haben „Macht euch hoch, ich will noch gewinnen!”
Das Tor zum 2:1 beim FC Karl-Marx-Stadt hat mich sehr für meine spätere Trainertätigkeit ge­prägt. Wieder ein Derby und wieder volle Hütte. Ich war hochmotiviert, aber Anspannung und Nervosität lähmten mich. Ich hatte nach der Er­wärmung schon schwere Beine. Es gibt Tage, da weißt du, heute geht nicht viel. Ausgerechnet heute sollte so ein Tag sein. Meine schweren Beine schleppten mich pausenlos vor und zu­rück, aber das Spiel lief an mir vorbei, mein Ge­genspieler Frank Uhlig machte sein 216. Ober­ligaspiel und gewann gegen mich fast jeden Zweikampf. Ich dachte, egal was passiert, du rennst, bis du nicht mehr kannst. Und wenn du dann ausgewechselt wirst, hast du wenigstens alles gegeben und gekämpft. Das können die vielen mitgereisten Fans von dir erwarten. Dann kam die 61. Minute. Unser Konter lief mit Harald Mothes über rechts. Ich lief zentral mit, hatte aber fünf Meter Rückstand auf Uhlig. Haralds Hereingabe landete exakt vor dessen Füßen. Er hätte alle Zeit gehabt, den Ball zu klären, da ich wieder zu spät kam. Seine Körpersprache ließ aber keinen Abwehrschlag vermuten, son­dern son­dern eher einen Rückpass. Ich witterte meine Chance und lief in seinem Schatten Richtung Torwart durch. Uhlig spielte den Rückpass, ich war da und machte aus dem Nichts das Tor zum 2:1. Dreizehn Minuten später wurde ich, voll­kommen platt, ausgewechselt. Da ich jahrelang Trainer war, habe ich diesen Treffer oft erwähnt, wenn bei einem Spieler nichts ging. Ich sagte dann, dass ich mir das Tor damals erlaufen, er­kämpft und erquält hatte.

Am 18. August 1984 gewinnen die Veilchen das Bezirksderby am 1. Spieltag gegen den FC Karl-Marx-Stadt mit 2-1. Stürmer Olaf Distelmeier setzt sich hier gegen Frank Uhlig durch und erzielt sein letztes Tor für Wismut Aue. Foto: Kruczynski


Mein schneller, unspektakulärer Abschied von Aue ist leicht zu erklären. Nach meinem an­derthalbjährigen Armeedienst wollte ich es un­bedingt wieder in den Kader der ersten Mann­schaft schaffen. Ich kniete mich unheimlich in die Sommervorbereitung hinein. Leider fiel ich in ein „körperliches Tal”, aus dem ich lange Zeit nicht herauskam. Der Sprung zurück in die erste Mannschaft schien außer Reichweite. Auf eigenen Wunsch ging ich wieder nach Gera. Im Nachhinein betrachtet war das ein großer Feh­ler, aber mir fehlte seinerzeit die Erfahrung, um die Reichweite meiner Entscheidung erkennen zu können. Ich danke allen, die mit und an mir gearbeitet haben. Ich durfte bei der Wismut mit großen Spielern gegen große Spieler auflaufen. Ich werde diese großartige Zeit niemals verges­sen.
Geschrieben von Burg am 28.11.2021, 20:17   (604x gelesen)