Spielberichte
10. Spieltag, 18.10.2019

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Erzgebirgsstadion Aue, Freitag 18. Oktober 2019
(Kick off 18:30 Uhr)


Irres Spiel in Aue am Freitagabend


Was für ein Spiel am 10. Spieltag in der 2. Bundesliga im Auer Lößnitztal. Dreimal Elfmeter, sechsmal Videobeweis bzw. Überprüfung und am Ende sieben Tore auf der Anzeigetafel. Fußballherz was willst du mehr. "Jeder, der dabei war, wird noch lange von dieser letzten halben Stunde sprechen", sagte Nürnbergs Trainer Damir Canadi nach dem Spiel auf der Pressekonferenz. Alle sieben Treffer fielen in der zweiten Halbzeit, die

letzten beiden in der Nachspielzeit. Das Männel in der letzten Sekunde, in der letzten Aktion des Spiels, noch einen Foulelfmeter hielt, war am Ende die Krönung auf ein irres Spiel. Den letzten hatte er vor über sieben Jahren in Cottbus gegen Daniel Adlung pariert, der jedoch den Nachschuß dann trotzdem versenkte. Aber gehalten ist gehalten. Man könnte fast annehmen das er sich in seinem bereits 375. Pflichtspiel für die Veilchen vorzeitig unsterblich machte. „Die Mannschaft hat heute an die drei Punkte geglaubt. Das Lob gilt deswegen auch der gesamten Mannschaft und nicht einzelnen“, erklärte er gewohnt sachlich nach dem Spiel.

Aues Trainer Dirk Schuster entschied sich für sein Stammpersonal. Bei den Veilchen war die Startformation im Vergleich zum vergangenen Match in Sandhausen (2-2) komplett unverändert. Die Gäste aus Franken mussten ihren Torhüter wechseln, da sich die Stammkeeper Christian Mathenia, vor zwei Wochen gegen St. Pauli am Knie verletzt hatte. Für ihn rückte Andreas Lukse zwischen den Pfosten. Der Schlussmann aus Österreich erlebte genauso wie Männel einen ruhigen Start in die Partie. Im ersten Durchgang ereignete sich eine zweikampfbetonte Partie zweier Mannschaften, denen es jeweils schwer fiel, spielerische Lösungen im Angriffsspiel zu finden. Die Platzherren mit bedächtigen Spielaufbau und der Suche nach einer Idee vor dem gegnerischen Tor. Herausgespielte Torchancen waren auf beiden Seiten zunächst Mangelware. Die erste Gelegenheit entsprang dann fast einem Zufall entsprang: Handwerkers Flanke rutschte dem Linksverteidiger so ab, dass sie den Auer-Querbalken touchierte (18.). Danach wurden die Gäste immer präsenter. Der schnelle Hack war bei einem Konter auf und davon, doch scheiterte im Abschluss frei vor Männel kläglich (26.), weil er ihn mit einem gechippten Ball überlisten wollte. Mißlang jedoch total. Trotzdem war die Aktion der Beginn der besten Nürnberger Phase vor der Pause. Erst warf sich Gonther in einem Schuß vom Nürnberger Kapitän Behrens (28.) und kurz darauf steuerte Hack nach guten Dovedan-Zuspiel alleine auf Männel zu, doch der Auer-Kapitän parierte reflexartig mit der linken Hand (31.). Auch Frey verzieht völlig freistehend im Auer Strafraum etwas zu überhastet (34.). Der Ball bleibt kurz neben der Eckfahne liegen. Es blieb ein Geduldsspiel auf beiden Seiten. Aue begeistert immer wieder durch großen Willen, verloren geglaubte Bälle wurden einsatzstark zurückgeholt. Dafür gab mehrfach Szenenapplaus vom begeistert mitgehenden Publikum. Bis zum Pausentee ließen die Gäste aber nicht locker. Im Anschluß an ihrer 4. Ecke trifft Hack (43.) aus der Distanz nur die Latte des Auer Tores. Der Ball wurde vom Rücken Kaligs` noch abgefälscht. Jäger platzierte wenig später einen Flugkopfball knapp neben den linken Pfosten (44.). Aue hätte sich über einen Rückstand zur Pause nicht beschweren können.

Die zweite Halbzeit startete mit einer rund 1,5-minütlichen Unterbrechung, da im Gästeblock reichlich Pyrotechnik gezündet wurde und der dicke Rauch auf das Spielfeld zog. Doch danach hatte der Club sofort den Durchblick. Handweker luchst Baumgart auf dem linken Flügel den Ball ab und bedient im Zentrum Frey. Die Fenerbahce-Leihgabe ließ sich die Chance nicht nehmen

und erzielte die Führung (51.) aus Nahdistanz. Kurz darauf wäre es fast noch schlimmer gekommen. Behrens setzte sich im Zentrum durch und schob einen abgeprallten Ball zum vermeintlichen 0-2 ins Tor. Glück für Aue das es wegen einer knappen Abseitsstellung wieder zurückgenommen wurde (54.). Aue brauchte einige Minuten, um sich zu berappeln. Doch dann brachten sich die Gastgeber selber zurück ins Spiel. Hochscheidt spielte sich per Doppelpass mit Nazarov im D-Zug Tempo vor den Nürnberger Kasten. Im Strafraum angekommen, lässt er drei Nürnberger stehen und schließt in Höhe der Elfmetermarke wuchtig ab. Vor der Linie klärt Sörensen mit Brust und dem rechten Oberarm im Stile eines Torwarts. Die West, ja das ganze Stadion schrie auf. Es gibt Elfmeter. Nach Diskussionen und der VAR Überprüfung aus Köln in Person von Markus Schmidt. Sörensen bekommt die Rote Karte und Nazarov verwandelt abgebrüht und ohne Nerven mit knapp zwei Schritten Anlauf rechts unten zum 1-1 Ausgleich (62.). Torwart Lukse war im richtigen Eck, aber der Ball ist brutal platziert geschossen. Mit diesen Elfmeter ist Dimitrij Nazarov alleiniger Elfmeter-Rekordhalter in Aue. Dies war sein Elfter verwandelter Elfmeter für die Veilchen. Er löste Jörg Emmerich ab der insgesamt zehnmal vom Punkt für die Veilchen traf. Es war dieser Moment, der aus einer bis dahin zähen eine unfassbar spannende Partie machte und fast aus dem Nichts ist Aue wieder im Spiel. Durch den Platzverweis kippte das Spiel. Hatten die favorisierten Gäste die Partie über weite Strecken im Griff, gab nun Aue in Überzahl den Ton an. Hochscheidt läutete eine irrwitzige Schlussphase ein: Eine Rizzuto-Flanke von der linken Außenbahn rutschte zum Blondschopf durch - einen wuchtigen Abschluss später stand es 2-1 für Aue (75.). Geis glich die Partie durch einen unhaltbar abgefälschten (Riese) Schuss von der Strafraumgrenze allerdings umgehend aus (78.).
Nur acht Minuten später schlug Aue jedoch zurück und ging durch Mihojevic mit 3-2 in Führung (86.). Die West war am überkochen. Der Vorbereiter war Hochscheidt. Seine Eingabe von rechts verfehlte Testroet mit einem Luftloch vor Lukse, doch der Ball rollte in Richtung langer Pfosten und Innenverteidiger Mihojevic kommt von hinten und drückt den Ball über die Linie. Der VAR hatte jetzt Schwerstarbeit zu verrichten. Das Tor wurde auf Abseits überprüft. Im Auer Lager und auf den Rängen bereitete man sich schon auf den Siegesjubel vor. Aber es war klar das es auch eine Nachspielzeit geben wird durch die bereits fünf bzw. sechs Tore (Behrens) und der Unterbrechung wegen Pyroaktion im Gästeblock. Als der Vierte Offizielle Tim Skorczyk die Tafel mit einer sechs drauf nach oben reckte, stöhnte so mancher auf. In den Nürnberger Reihen war logischerweise noch Hoffnung da hier was mitzunehmen. Dann zeigte Schiedsrichter Schlager nach Verwendung des Videobeweises zum zweiten Mal auf den Punkt. Testroet hatte im Luftduell mit Frey den Ellenbogen benutzt und traf Frey im Gesicht. Geis nahm sich der Sache an und verwandelte sicher zum 3-3 Ausgleich vor dem jubelnden Gästeblock (90.+2). Männel sprang in die linke Ecke. Weil noch relativ „viel“ Zeit auf der Uhr war, lief das Spiel weiter und die Veilchen schlugen wieder zurück und erzielten das 4-3 durch den eingewechselten Krüger, der eine Rechts-Flanke von Testroet aus 5 Meter über die Linie drückte (90.+4). Soll abseitsverdächtig gewesen sein, deswegen Überprüfung vom VAR. Schlager eilt zur Review Zone schaut sich die Szene am Monitor an, kommt zurück und zeigt unmißverständlich auf den Punkt, dem Anstoßpunkt. Wer hier nicht live dabei war kann diese Emotionen nicht nachvollziehen. Zweiter Jubel im Stadion und die Spieler in Lila umarmen sich.
Doch Nürnberg lebte noch, die Uhr zeigte noch Restzeit an und als die sechs Minuten abgelaufen waren zeigt Schlager nach Videobeweises auf den Punkt. Es lief schon die siebente Minute der Nachspielzeit. Mihojevic hackte unglücklich und eher unbeabsichtig beim eingewechselten Lohkemper ein. Aues Gonther der unmittelbar daneben stand: „Er suchte den Kontakt mit Marko“. Also wieder Elfmeter für Nürnberg. Diesmal trat aber der Schweizer Frey an und scheitert an Männel, der den Ball sogar im Nachfassen dann festhalten kann. "Er war nicht schlecht geschossen“, schilderte der Auer Kapitän diese denkwürdige Szene. "Ich bin happy gewesen, dass sie den Schützen gewechselt haben. Er hatte gesehen, in welche Ecke ich beim ersten Elfer gesprungen war. Und dann ist es ein Stück weit Psychologie. Ihm ging vermutlich durch den Kopf, dass ich in die andere Ecke springe weil ich den ersten nicht gehalten habe. Ich habe aber nochmal die gleiche gewählt." Geis machte seinen Mannschaftsspieler Frey hinterher keinen Vorwurf. Jener Geis der den Elfmeter zum 3-3 verwandelt hatte und eigentlich auch in der neunten Minute der Nachspielzeit antreten sollen, noch ein Unentschieden für den Club zu sichern. Die Begründung erstaunte: "Es war ausgemacht", sagte Geis, "ich weiß, wie wichtig es für einen Stürmer ist, zu treffen." (Burg)


Trainerstimmen
Damir Canadi: (Nürnberg) „Das schwierigste ist, so ein Spiel zu analysieren. Schlüsselszene war die Rote Karte, danach ist das Spiel gekippt und richtig Spannung aufgekommen. Wir sind gut reingekommen in die Partie und hatten gute Chancen. Auch nach der Pause sind wir aktiv gestartet. Nach dem Platzverweis war es dann Dramatik pur. Wir haben nach den Gegentoren immer wieder Mentalität gezeigt und es versucht. Ich hadere bei Aues Tor Nummer drei und Nummer vier. Da war vielleicht Abseits im Spiel. Es war ein unglaubliches Spiel. Jeder, der heute dabei war, wird von der letzten halben Stunde noch lange sprechen. Ich bin schon lange dabei, so ein Spiel habe ich noch nicht erlebt.“
Dirk Schuster (Aue): „Ein irres Spiel in den letzten 30 Minuten. In der ersten Halbzeit hatte Nürnberg die besseren Chancen. Wir haben bei Nürnberger Ballbesitz zwar gut verteidigt, die Nürnberger durch eigene Fehler aber immer wieder eingeladen. Mit dem 0-0 zur Pause waren wir ganz gut bedient. Das erste Tor hat dem Spiel dann einen Punch versetzt und es wurde wild. Wir haben in Sachen Mentalität alles reingefeuert. Normal muss das Spiel durch den späten Elfer 4-4 ausgehen. Da müssen wir uns an die eigene Nase fassen, weil der Gegner nach 3-maliger Führung immer wieder zurück gekommen ist. Wir bleiben trotzdem geerdet und haben ein gutes Fundament in der Liga hingelegt.“

Aue (Lila/Lila/Lila): Männel - Kalig, Mihojevic, Gonther, Rizzuto – Fandrich, Riese – Baumgart (81. Krüger), Nazarov, Hochscheidt (88. Zulechner) – Testroet (90.+6 Kempe)

Nürnberg: Lukse – Sorg, Margreitter, Sörensen, Handwerker – Jäger (77. Kerk) – Hack (87. Lohkemper), Behrens, Geis, Dovedan (64. Mühl) – Frey

Schiedsrichter: Daniel Schlager (Rastatt)

Zuschauer: 14.000

Tore: 0-1 Frey (51.), 1-1 Nazarov (62./Handelfmeter), 2-1 Hochscheidt (75.), 2-2 Geis (78.), 3-2 Mihojevic (87.), 3-3 Geis (90.+2/Foulelfmeter nach Videobeweis), 4-3 Krüger (90.+4)

Reservebank Aue: Jendrusch – Ciftci, Samson, Strauß, Wydra, Daferner

Gelbe Karten: Testroet (90. +1), Mihojevic (90. +9), Männel (90. +9) / Sörensen (21.)

Rote Karte: Sörensen/FCN (61.) wegen Handspiel

Bes. Vorkommnis: Männel hält Foulelfmeter (90. +9/nach Videobeweis) gegen Frey/1. FCN